Die Debatte um die unbezahlte Verlängerung der Arbeitszeit ist inzwischen
derart emotionsgeladen, dass jede kühle Analyse auf der Strecke bleibt
Financial Times Deutschland 10.11.2004, S. 31
VON SEBASTIAN DULLIEN
Wenn in Deutschland über eine Verlängerung der Arbeitszeit diskutiert
wird, ist die Debatte höchst emotionsgeladen. Wer auch nur wagt, die Sinnhaftigkeit
einer generellen Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich in Frage zu
stellen, wird sofort dem Gewerkschaftslager zugeschlagen.
Am Montag etwa erschien in der FTD ein Leitartikel mit den Sätzen: "Bei
einer um zehn Prozent längeren Wochenarbeitszeit können die Firmen
zehn Prozent mehr herstellen, ohne neue Beschäftigte einzustellen. Die
Wirtschaft müsste demnach um zehn Prozent wachsen, bevor die Mehrarbeit
einen einzelnen Arbeitslosen in Lohn und Brot bringt." Es hagelte wütende
Leserbriefe. Auch in der öffentlichen Meinung gilt inzwischen als unumstrittenes
Credo, dass Mehrarbeit sofort auch mehr Arbeitsplätze bringt.
Mehrarbeit ohne direkte Vorteile
Nur, was genau soll an den Sätzen aus dem FTD-Leitartikel falsch oder
zweifelhaft sein? Jeder Unternehmer wird bestätigen, dass er bei längeren
Arbeits und Maschinenlaufzeiten mit dem gleichem Kapitalstock und der gleichen
Belegschaft mehr herstellen kann. Das ist übrigens auch genau der Grund,
warum die Arbeitgeber gerne längere Arbeitszeiten hätten. Und das
ist auch der Grund, warum die meisten Firmen in anonymen Umfragen angeben, sie
würden Beschäftigung abbauen, nicht Mitarbeiter einstellen, wenn die
Arbeitszeit unentgeltlich verlängert würde.
Die Befürworter der Arbeitszeitverlängerung kommen an dieser Stelle
gerne mit dem Argument, dass die Absurdität jeder Opposition gegen ihre
Vorschläge offensichtlich sei. Wenn jemand glaube, durch Arbeitszeitverlängerung
könnten Jobs verloren gehen, müsse das ja im Umkehrschluss heißen,
dass wir mit einer Absenkung der Wochenarbeitszeit auf 20 Stunden die Arbeitslosigkeit
beseitigen könnten. Da dies offensichtlicher Unsinn sei, müsse auch
der Widerstand gegen Arbeitszeitverlängerung falsch sein.
Nun, ich glaube tatsächlich, dass bei einer Halbierung der wöchentlichen
Arbeitszeit mehr Menschen die gleiche Arbeit machen könnten als bisher.
Trotzdem wäre das natürlich der falsche Weg, Erwerbslose in Lohn und
Brot zu bringen. Wie in der DDR auch das Problem unzureichender Autoproduktion
nicht sinnvoll dadurch zu lösen war, dass der Bezug von Trabants und Wartburgs
rationiert wurde, ist natürlich der Mangel an Arbeitsplätzen nicht
dadurch zu beheben, dass jeder Einzelne davon weniger abbekommt. Genau das aber
wäre Arbeitszeitverkürzung: Eine Verwaltung des Mangels. Wie die Arbeitgebervertreter
früher gerne argumentiert haben, teilt Arbeitszeitverkürzung bestenfalls
den Kuchen anders auf. Es muss aber darum gehen, den Kuchen zu vergrößern.
Hier genau fängt das Problem der aktuellen Art der Debatte erst an: Es
wird kaum noch die Frage gestellt, wie der Kuchen zu vergrößern ist.
Stattdessen implizieren einige Verfechter längerer Arbeitszeiten, dass
der Kuchen allein deshalb größer wird und mehr Menschen ein Stück
davon abbekommen, weil sich jeder Einzelne ein größeres Stück
abschneidet.
Ein konstruktiver Ansatzpunkt der Befürworter von Arbeitszeitverlängerung
wäre einzuräumen, dass natürlich die Nachfrage deutlich anziehen
müsste, um bei einer Arbeitszeitverlängerung Arbeitslose in neue Jobs
zu bringen. Dann könnten die Protagonisten längerer Wochenarbeitszeit
begründen, warum sie glauben, dass die gesamtwirtschaftliche Nachfrage
um mehr als zehn Prozent wächst, wenn die Wochenarbeitszeit um zehn Prozent
verlängert wird. Sie könnten etwa argumentieren, dass die Stundenlöhne
um zehn Prozent sinken und dadurch die Firmen ihre Absätze ins Ausland
um deutlich mehr als zehn Prozent steigern können.
Sie könnten auch wie der Präsident des Münchner Ifo-Instituts,
Hans-Werner Sinn, anführen, dass sich die Investitionsstimmung in Deutschland
durch die niedrigeren Lohnkosten enorm verbessern werde. Dies werde einen Investitionsschub
der Firmen auslösen, was Nachfrage und Wachstum ankurbelt.
Für eine sachliche Debatte
Eine solche Debatte würde zumindest die Prämissen klar auf den Tisch
legen. Öffentlich könnte man dann darüber streiten, wie realistisch
die Annahmen sind. Man könnte sich fragen, ob die Nachfrage nach deutschen
Produkten im Ausland tatsächlich derart preisempfindlich ist, dass die
Lohnsenkungen zu überproportionalem Anstieg der Nachfrage führen.
Oder man könnte die Auswirkungen früherer Lohnzurückhaltung auf
die deutsche Investitionstätigkeit unter die Lupe nehmen, um zu überprüfen,
wie wahrscheinlich Sinns These ist.
Am Ende könnte man dann auch abschätzen, ob die erhofften Effekte
einer Arbeitszeitverlängerung tatsächlich realistisch sind oder nicht
- und dementsprechend den Tarifparteien Maßnahmen empfehlen. Die Diskussion
um längere Arbeitszeiten aber auf dem aktuellen Stammtischniveau zu führen
nach dem Motto "Wenn jeder mehr arbeitet, ist doch klar, dass am Ende mehr
rauskommt" ist für Deutschland nicht hilfreich und grenzt an Volksverdummung.
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